
Aktienjahrbuch DAX 2026
Juni 7, 2026Kurzfristige Börsenprognosen sind Quatsch –
langfristige Börsenprognosen sind nützlich!
Liebe Börsenfreunde,
pünktlich zum Jahresende veröffentlichen die größten und renommiertesten Bankhäuser ihre Schätzungen, wo der deutsche Aktienindex DAX am Ende des Folgejahres stehen wird. Diese Informationen verwenden Bankberater, um die taktische Aktienquote in den Depots ihrer Kunden vor dem Jahresende anzupassen. Anschließend können diese unbeschwert in ihren verdienten Weihnachtsurlaub gehen.
Dass die Analystenschätzungen für den Indexstand im kommenden Jahr nicht zu gebrauchen sind, zeigt deren Analyse. In den Jahren 2007 bis 2025 lag der durchschnittliche Schätzfehler bei 15%. Das heißt, dass der Indexstand des DAX am Ende des Folgejahres im Durchschnitt 15% über oder 15% unter der Schätzung lag. Sofern die Schätzungen zu konservativ waren und der Indexstand ein Jahr später höher steht, als erwartet, wird sich wahrscheinlich niemand beschweren. Wenn der Wert eines reinen Aktiendepots ein Jahr später allerdings 15% niedriger ist, als erwartet, wird der darauf folgende Weihnachtsurlaub des Bankberaters weniger entspannt sein, als im Vorjahr. Im Extremfall, im Jahr 2008, lag der tatsächliche Indexstand sogar 47% unter der Prognose! Es ist also offensichtlich, dass kurzfristige Börsenprognosen Quatsch sind.
Es stellt sich aber die Frage, ob langfristige Börsenprognosen möglich sind. Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst klären, wovon die langfristige Wertentwicklung von Aktien abhängt. Dies ist längst kein Geheimnis mehr: Die langfristige Wertentwicklung von Aktien hängt von der Gewinnentwicklung der Unternehmen ab. Wieso ist das so? Als Ausgleich für das Bereitstellen von Kapital sowie für das Tragen des unternehmerischen Risikos stehen den Aktionären die möglichen Unternehmensgewinne in der Zukunft zu. Die Unternehmensgewinne sind also die Erträge der Aktionäre, genauso wie Zinsen die Erträge der Anleihebesitzer oder wie Mieteinnahmen die Erträge der Immobilienbesitzer sind. Die Entwicklung der Aktienkurse hängt deshalb langfristig von der Entwicklung der Unternehmensgewinne ab, wie das folgende Diagramm sehr gut veranschaulicht.
Man sieht aber auch, dass die Unternehmensgewinne sehr stark schwanken. Dies liegt am Konjunkturzyklus. Befindet sich die Wirtschaft im Aufschwung, steigen die Unternehmensgewinne. Befindet sich die Wirtschaft im Abschwung, sinken die Unternehmensgewinne – in einer Rezession wie beispielsweise in den Jahren 2002 und 2003 sogar massiv.
Für die Unternehmensbewertung ist das Kurs/Gewinn-Verhältnis (KGV) eine bedeutende Kennzahl. Beim KGV wird der Aktienkurs eines Unternehmens durch den Gewinn (Jahresüberschuss) geteilt. Bei einem Aktienindex, wie dem DAX, wird der Indexstand durch die kumulierten Gewinne aller DAX-Unternehmen geteilt. Ist das KGV niedrig, kann man tendenziell einen höheren Ertrag erwarten, als wenn das KGV hoch ist. Wenn für die Berechnung des KGVs allerdings lediglich die aktuellen Gewinne herangezogen werden, kann die Aussagekraft eingeschränkt sein. Befindet sich die Wirtschaft im Aufschwung, sind die Unternehmensgewinne tendenziell höher, als es aufgrund des langfristigen Wachstums normal wäre – das KGV ist dann eher zu niedrig. Umgekehrt gilt: Befindet sich die Wirtschaft im Abschwung, sind die Unternehmensgewinne tendenziell niedriger als es aufgrund des langfristigen Wachstums normal wäre – das KGV ist dann eher zu hoch.
Um dieses Problem zu beheben, haben bereits Benjamin Graham und David Dodd in ihrem Standardwerk „Security Analysis“, welches erstmals im Jahr 1934 erschienen ist, eine Glättung der Unternehmensgewinne vorgeschlagen. Sie empfahlen die Unternehmensgewinne über einen Zeitraum von mindestens fünf, besser noch über sieben bis zehn Jahren zu glätten bzw. zu normalisieren. Dadurch kann ein vollständiger Wirtschaftszyklus abgebildet werden. Diese Methode bildet auch die historische Grundlage für das zyklisch adjustierte KGV des US-amerikanischen Ökonoms und Nobelpreisträgers Robert J. Shiller. Professor Shiller glättet die Unternehmensgewinne über einen Zeitraum von 10 Jahren bei der Berechnung seines bekannten Shiller-KGV’s.
Glättet man die Unternehmensgewinne der DAX-Unternehmen über 10 Jahre, erhält man eine stetig steigende Gewinnentwicklung. Jetzt ist es der Kurs des DAX, welcher schwankt und nicht mehr die Unternehmensgewinne. Berechnet man nun das KGV auf Basis dieser normalisierten Gewinne, erhält man ein aussagekräftigeres KGV. Phasen der Überbewertung und Phasen der Unterbewertung können nun recht zuverlässig identifiziert werden. Steigt der Kurs des DAX stärker als die Unternehmensgewinne der DAX-Unternehmen, steigt auch das KGV; die DAX-Aktien sind dann überbewertet. Fällt der Kurs des DAX stärker als die Unternehmensgewinne der DAX-Unternehmen, fällt auch das KGV; die DAX-Aktien sind dann unterbewertet.
In Phasen der Unterbewertung, also Phasen mit einem niedrigen KGV, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Bewertung wieder zu ihrem Mittelwert zurückkommt, indem die Aktienkurse steigen. In Phasen der Überbewertung, also in Phasen mit einem hohen KGV, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch hier die Bewertung wieder zu ihrem Mittelwert zurückkommt, indem die Aktienkurse fallen.
Der Zusammenhang zwischen dem konjunkturbereinigten KGV10 und der Rendite in den folgenden 5 Jahren wird in den folgenden Diagrammen sehr deutlich.
Auf Basis des KGV10 und zwei weiterer Bewertungsfaktoren habe ich ein 3-Faktor-Prognosemodell für die erwartete Rendite des DAX in den kommenden 5 Jahren entwickelt. In den letzten Jahren waren die Prognosen recht nah an der tatsächlichen Wertentwicklung (siehe Grafik). Für die langfristige Vermögensallokation kann diese Börsenprognose sehr nützlich sein.
Im Jahr 2022 beendete die Europäische Zentralbank die achtjährige Negativzinsphase und hob den Leitzins für den Euroraum in mehreren Schritten an. Daraufhin fiel der DAX um 26%. Seit diesem Tief im September 2022 fand eine höchst außergewöhnliche Rallye mit einem Plus von fast 120% statt. Getrieben wurde diese Wertentwicklung von massiven Investitionen in Rüstung, Infrastruktur sowie Künstliche Intelligenz. Vermutlich fragen Sie sich: Wie geht es nun weiter? Wird der Bullenmarkt der letzten vier Jahre weitergehen?
Wir befinden uns meines Erachtens in der Endphase dieses Bullenmarktes. Die Anleger sind gierig, wenn nicht gar euphorisch.
- Enorm viel Geld wird für Börsengänge, vor allem im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI), bereitgestellt. Für Unternehmen in diesem Bereich wird eine rosige Zukunft prognostiziert und dafür absurd hohe Bewertungen akzeptiert. So fand im Juni 2026 mit SpaceX der größte Börsengang aller Zeiten statt. Das Unternehmen von Elon Musk wurde bei der Emission mit 1.770 Mrd. USD bewertet, bei einem Umsatz von lediglich 18,7 Mrd. USD. Das entspricht einem Kurs/Umsatz-Verhältnis von 95. Der Jahresfehlbetrag betrug im letzten Geschäftsjahr 5 Mrd. USD. Das erinnert doch sehr an den Neuen Markt um die Jahrtausendwende.
- Die aggregierten Unternehmensgewinne befinden sich auf einem zyklischen Hoch.
- Das Shiller-KGV ist mit 41 für den US-Markt nahe dem historischen Hoch von 44 Ende des Jahres 1999.
- In den USA befinden sich die Schulden zur Finanzierung von Aktienkäufen auf einem Rekordhoch.
- Zudem steigt derzeit das Zinsniveau, wodurch Anleihen im Vergleich zu Aktien als Anlageklasse zunehmend attraktiver werden.
In Deutschland sind die Bewertungen zwar nicht ganz so hoch wie in den USA. Mit einem aktuellen KGV10 von 24 kann in den kommenden Jahren aber trotzdem nur mit einer weit unterdurchschnittlichen Wertentwicklung gerechnet werden. Zudem wird sich der Aktienmarkt in Deutschland einem möglichen Platzen der KI-Blase in den USA nicht entziehen können. Zusammen mit den anderen beiden Bewertungsfaktoren deutet mein 3-Faktor-Prognosemodell auf eine Wertentwicklung des DAX von lediglich 2,1% pro Jahr in den kommenden fünf Jahren hin. Der DAX sollte demnach von derzeit 26.852 Punkten auf lediglich 29.133 Punkte im August 2031 klettern.
„Sei ängstlich, wenn andere gierig sind, und sei gierig, wenn andere ängstlich sind“, empfiehlt Warren Buffett. Jetzt ist die Zeit ängstlich zu sein und seine Aktienquote untergewichtet zu halten.
Herzliche Grüße und gewinnbringende Investitionen wünscht Ihnen
Ihr
Benjamin Knöpfler
Balderschwang, im September 2026










